Funkenstrahlen Podcasting, Netzpolitik, App-Entwicklung

Warum?

Warum tut denn keiner was? Merkt ihr das denn alle nicht?

Wir bewegen uns in eine Zeit hinein, in der die Kosten für die Verbreitung von Information gegen Null gehen. Jeder kann ohne großen Aufwand hunderttausende oder gar Millionen Menschen mit seinen Gedanken erreichen ohne dass er dafür auch nur seinen Geldbeutel zücken muss.

Gleichzeitig wird es immer einfacher und schneller möglich, Weltwissen nachzuschlagen. Innerhalb von Sekunden können wir alles über den Schwarzwald, die Honigbiene oder über Quantenphysik erfahren. Und wenn doch eine Frage offen bleibt: Hunderte Foren in denen tausende interessierte Menschen sich austauschen bieten oft die fachgerechtere und schnellere Antwort als jegliche eigene Recherche.

Innerhalb von Minuten werden Mitschriften von Videos und Podcasts erstellt, Material gemeinsam zusammengetragen oder an Geschichten geschrieben. Alles Kollaborativ. Menschen organisieren sich und arbeiten zusammen. Nie zuvor hat es eine Infrastruktur gegeben, die eine so enge Koordination von Wissenserarbeitung und Informationsaustausch ermöglicht hat.

Der einzige Ort an dem all diese Entwicklung scheinbar komplett vorbei geht ist die Schule. Ob Hauptschule, Realschule, Grundschule oder Gymnasium - was es sicherlich nicht im Übermaß gibt ist Netz. Und das auf mehreren Ebenen.

Zum einen wird der Umgang mit dem Netz nicht gelehrt. Das Einzige, was an engagierten Schulen vielleicht passiert ist ein Vortrag der Polizei zu den “Gefahren des Cyberspace” und zu “Cybermobbing auf Facebook”. Ist das wirklich das, was Lehrer und Eltern im Internet sehen? Einen gefährlichen Ort, der möglichst von den Kindern ferngehalten werden muss?

Was passieren muss: Die Kinder müssen lernen mit dem Medium umzugehen. Sie müssen Wege kennenlernen ihren Blick ins Netz zu organisieren und Werkzeuge kennenlernen um selbst zu publizieren. Das ist mit “Lesen und Posten auf Facebook” aber nicht getan!

Es geht heute nicht mehr darum möglichst viel Wissen selbst anzusammeln, sondern vielmehr darum zu lernen eine Quelle nach ihrer Qualität zu beurteilen und ein Sammlung an Anlaufstellen kennenzulernen, die gute Informationen zu bestimmten Themen bieten. Wenn die Lehrer heute nicht mehr leisten können als ständig “Wikipedia ist böse!” wie ein südafrikanisches Mantra zu wiederholen, dann ist hier noch viel Bildungsarbeit zu leisten. Angefangen bei den Lehrern wohlgemerkt.

Auch das selbst Inhalte veröffentlichen sollte erklärt werden: Wie kann ich eigene Server mieten? Wie erstelle ich eine Webseite? Was muss ich rechtlich beachten? Wie kann ich selbstgemachte Videos veröffentlichen? Wie kann ich Audio aufnehmen und verbreiten (Podcasts)?

Es bieten sich zudem so vielfältige Möglichkeiten die neuen Möglichkeiten der Kollaboration im Internet an Schulen einzuführen: Dokumente könnten gemeinsam auf Etherpads oder Google Docs verfasst, Schulmaterial in Dropboxordnern synchronisiert und in Schulinternen Foren diskutiert werden.

Wenn dann endlich mal begriffen wird, dass wir hier ein riesiges Potential verspielen, wenn wir in der Bildung nicht auf den Netzzug aufspringen, dann werden wir bald feststellen müssen, dass wir vor einem weiteren Problem stehen: Die Schulen haben nicht ansatzweise die Ausstattung, die man für derlei Konzepte benötigen würde.

  • In den Räumen gibt es selten Beamer. Wenn überhaupt, dann sind sie wenig lichtstark und die Rolläden funktionieren nicht. Meistens hängen dann in den Räumen auch unterschiedliche Beamer, damit die Bedinung nicht zu leicht fällt. In der Regel fehlt außerdem die Fernbedienung nach zwei Wochen.
  • Es gibt gar kein oder sehr eingeschränktes Internet. Oft muss man für eigens mitgebrachte Rechner einen Proxy oder ein VPN einstellen. Für den geneigten Lehrer eine sehr hohe Hürde.
  • Dieses ohnehin schwer zugängliche Netz ist dann im Prinzip überhaupt nicht als WLAN verfügbar, sondern nur über einen einzigen LAN Anschluss hinten links im Klassenraum, während der Beamer aber vorne rechts angeschlossen werden muss.
  • Die Rechner in den Computerräumen (sofern es die gibt), sind veraltet, langsam und dienen hauptsächlich dazu Microsoft Word Grundlagen an Fünftklässler zu vermitteln. Was ich fast vergaß: Internet Explorer ist manchmal auch installiert.
  • Eigene Rechner mitzubringen oder Smartphones in der Schule zu nutzen ist verboten. Meist darf man das Smartphone ja nicht einmal mitbringen.

Vielleicht ist das alles ein wenig überspitzt formuliert und Ausnahmeschulen bestätigen wohl die Regel, aber man muss ganz klar feststellen, dass die technische Ausstattung der Schulen es kaum ermöglicht den Schülern das Potential der neuen Medien besser zu vermitteln.

Was man jetzt tun soll? Nunja ich kann ganz gut damit umgehen, wenn man sagt:”Wir haben das Problem erkannt und würden gerne mehr tun, aber das Geld ist nicht da.” Das sind Probleme, die sich lösen lassen, wenn man den ein oder anderen Flughafen nicht in den Sand setzt ;)

Was ich aber viel gravierender finde ist, dass das Problem, dass wir einen kompletten Medienwandel in der Bildungspolitik verschlafen und damit eine ganze Generation alleine mit der Schwierigkeit zurücklassen sich all diese Kompetenzen selbst anzueignen, von den Verantwortlichen nicht erkannt zu werden scheint. Da müssen Schulen doch am Ende des Schuljahres tatsächlich aus Finanzgründen Kopierverbot verhängen, damit Lehrer anfangen den Schülern die Dokumente einfach via Internet zuzustellen.

Artikelfotos: cc-by shinealight auf Flickr, cc-by-sa secretlondon123 auf Flickr.