Funkenstrahlen Podcasting, Netzpolitik, App-Entwicklung

Von den Kindern, die den Zeitungsboten nicht mehr kennen

Wenn heutzutage etwas Wichtiges passiert, dann erfährt das die Welt sofort. Würde man vielleicht denken. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die Welt erfährt doch erst abends pünktlich um 19 Uhr in der Tagesschau was passiert ist. Das Ereignis längst passe. Viele Menschen werden sogar erst am nächsten Morgen davon erfahren - in der guten alten Tageszeitung.

Wahr ist aber auch, dass sehr viele Menschen heute über das Internet sofort von derartigen Ereignissen erfahren und meist schon diskutiert haben, bevor die Tagesschau am Abend ausgestrahlt wird oder die Zeitung in die Druckerpresse gewandert ist. Eine wesentliche Eigenschaft von Medien ist damit die Aktualität. Je aktueller desto besser?

Die Zeiten ändern sich (ja tatsächlich!). Viele (wenn nicht sogar alle) Nachrichten lassen sich heute schneller und bequemer über das Internet erfahren. Dabei spielen “Nachrichtendienste” wie Twitter, RSS-Feeds, Blogs und klassische Nachrichtenseiten auf eine ganz neue und besondere Weiße zusammen, so dass eine Fülle von Informationen auf uns einströmen.

Wie gehen wir damit um, dass wir aus immer mehr Kanälen Informationen erhalten? Wie ordnen wir ein, wem vertrauen wir, was ist für uns als Information relevant?

Heute leisten das noch (zum großen Teil) die großen Redaktionen der noch größeren Medienhäuser für uns. Sie sammeln Nachrichten, sortieren nach Relevanz und informieren uns in einer Zusammenfassung über das Wichtigste des Tages. Wir haben jedoch das Problem, dass den klassischen Medien das Geschäft wegbricht und sie im Netz kein äquivalentes Geschäftsmodell fahren können. Leider basiert die Finanzierung der Redaktionen und die Bezahlung der Journalisten zu einem sehr großen Teil auf diesem (alten) Modell. Da kommen die auch ab und an auf ganz verrückte Ideen: Beispielsweise das Leistungsschutzrecht.

Es lässt sich berechtigterweise auch darüber streiten, ob man sich durch eine solche Redaktion in Web-2.0-Zeiten überhaupt noch informiert fühlt. Viele Themen die auf Twitter plötzlich relevant werden und riesige Diskussionen im Netz entfachen, schaffen es meist nie in die Tageszeitung.

Zudem fällt es in klassischen Zeitungen schwer auf andere Beiträge Bezug zu nehmen. Was bleibt ist das simple Zitat. Das allerdings kann nur Ausschnitte darstellen. Das Netz dagegen bietet schier unendlich viele Möglichkeiten der Verlinkung und Vernetzung von Meinungen und Beträgen unterschiedlichster Art (Text, Video, Audio, Grafiken). Diese multimediale Vernetzung ist neu und muss erst noch verstanden werden. Denn nicht immer ist klar, wie zu viel Information sinnvoll eingesetzt werden kann.

Zur Vernetzung der Beträge im Internet kommt hinzu, dass durch Einbindung von sozialen Netzwerken oder Kommentarspalten die Möglichkeit für den Leser geschaffen wird, zu dem veröffentlichten Artikel Stellung zu nehmen oder weitere Anregungen zu geben. Ich habe daher oft die Erfahrung gemacht, dass die Kommentare unter einem Artikel weit interessanter und tiefgehender waren als der Artikel selbst. Es entwickelt sich rege Diskussion und Austausch, was sehr wertvoll sein kann. In der klassischen Zeitung höchstens als Leserbrief in der nächsten Ausgabe vorstellbar. Ob man den Artikel dann nicht längst vergessen hat?

Toll wenn man schnell danach suchen könnte? Auch nicht gerade einfach in einer riesigen Zeitung aus jeder Menge Papier (die meist schon als Unterlage für die nassen Schuhe gedient hat, bis einem einfällt, dass man ja noch was nachschlagen wollte). Im Internet? Kein Problem dank moderner Suchmaschinen! Innerhalb von Sekunden kann man so Textstellen, Namen, Zitate wiederfinden. Meist sind Artikel sogar mit extra Stichworten (den Tags) versehen, die die Thematik des Artikels beschreiben, so dass man schnell alle Artikel zu einem Themengebiet herausfiltern kann.

Auch nicht zu unterschätzen ist, dass das Internet unendlich viel Platz bietet (ja ich weiß. Nur fast!). Es ist also kein Problem sich journalistisch einem Nieschenthema zu widmen. Wer kein Interesse daran hat, stört sich nicht und wer mehr erfahren möchte, kann uneingeschränkt auf die volle Detailfülle zugreifen. Was das angeht sind klassische Zeitungen immer dem sogenannten “Mainstream” unterworfen. Die wichtigeste Meldung des Tages muss eben für die meisten Leser wirklich wichtig sein. Mit Nieschenthemen undenkbar.

Wie können wir es also schaffen, dass Journalisten weiterhin ihre wichtige Arbeit leisten (in Zukunft mit dem Netz) und trotzdem davon leben können? Die Idee, dass wir alle zu Journalisten werden, dadurch dass im Internet jeder publizieren kann, halte ich für wenig sinnvoll und auch nicht umsetzbar. Es werden sicherlich mehr Leute beginnen zu schreiben und ihre Meinungen kundzutun, aber auch dort werden sich wieder zentrale Anlaufstellen entwickeln (wie es zum Beispiel mit netzpolitik.org der Fall ist).

Vielfach im Netz zu finden sind Blogs, auf denen mehrere Autoren Artikel verfassen. Hier hat sich also schon eine Art “Redaktion” bzw. ein Medium von selbst gebildet. Denn mit mehreren Autoren kann man mehr Themen in kürzerer Zeit abdecken. Wohl in vielen Fällen ein sehr sinnvolles Modell.

Die Finanzierung solcher Plattformen ist auf verschiedenen Wegen möglich. In den letzten Monaten haben sich dafür ein paar Möglichkeiten herausgebildet. Zunächst einmal gibt es die relativ klassische Möglichkeit Kunden einen festen Betrag zahlen zu lassen, damit sie überhaupt Zugang zu den Artikeln bekommen. Es entsteht also eine “Paywall”. Die NewYork Times hat sich für dieses Modell entschieden. Ob sich das aber auf die Dauer als erfolgreich erweist ist noch offen. In diese Richtung geht auch das elektronische Zeitungsabo, wie es auf Apple Geräten und dem Kindle schon möglich ist.

Eine Alternative dazu sind spendenbasierte Webseiten. Dabei gibt es zunächst einmal die Möglichkeit, dass der Leser am Ende des Artikels wählen kann, wie viel Geld er spenden möchte (Paypal ist da der gängigste Vertreter). Das ist jedoch Aufwand und wer kann schon wirklich einschätzen was man denn da so spendet. Also lassen es die meisten Leser besser gleich sein. Hier kommt Flattr in Spiel, was meiner Meinung nach die aussichtsreichste Idee ist. Ich sage Idee, da es Flattr noch nicht so lange gibt und noch am wachsen ist.

Wichtig für alle Bezahlmodelle: Sie müssen so einfach wie möglich funktionieren. Wenn ein Kunde auch nur kurz nachdenken muss, wie er etwa Geld spenden oder den Artikel in einem Webstore erwerben kann, dann hat man meist schon verloren. Usability geht also eng einher mit der Entscheidung welches Geschäftsmodell man nun nutzen möchte und viel wichtiger -  ob es funktioniert. Gerade dieser Punkt wird durch die Entwicklung der Tablet-Computer noch einmal viel wichtiger.

Wenn die Medien ins Netz wandern (was ja momentan ein nicht zu übersehender Prozess ist), dann wird sich mehr und mehr die Art und Weise ändern, wie wir auf neue Nachrichten aufmerksam werden.

Nicht mehr die Schlagzeile der Tageszeitung zieht unsere Aufmerksam auf sich, sondern beispielsweise ein Blogeintrag, der sich über Twitter, Facebook oder RSS verbreitet. Es sind also mehr und mehr die Menschen, die uns mit Neuigkeiten versorgen, die wir zuvor “gewählt” haben. Wir legen damit selbst fest, von wem wir Neuigkeiten erfahren möchten. D.h. wir legen auch fest für welche Nachrichten wir uns interessieren und erhalten so einen sehr schnellen und sehr selektiven Nachrichtenstream. Nachteil davon natürlich: Wir stolpern seltener über Themen, die wir nicht explizit in unseren Intressensbereich eingeordnet haben. Also Vor- und Nachteil zugleich.

Vielleicht zum Abschluss noch eine kleine Zukunftsvision?

Noch Interesse? Hier gibt es mehr:

Foto oben (Waste Paper) von duncan, freigegeben unter CC BY-NC 2.0 Lizenz.

Update: Wie ich gerade richtigerweise darauf hingewiesen wurde, wird die Tagesschau nicht um 19 Uhr, sondern um 20 Uhr abends ausgestrahlt. Ich muss das wohl mit dem Fernsehen erst wieder üben…