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Praktisch? Bedeutend? Irrelevant? Die Zukunft?

Facebook hat Gesichtserkennung eingeführt. Die Technik ist nicht neu. Es war also zu erwarten, dass das irgendwann jemand machen würde. Picasa kann das schon lange und Google hätte das auch in seine anderen Dienste bereits einbauen können. Allerdings haben die sich dagegen entschlossen - aus Datenschutzgründen! Google! Nun war es eben Facebook, das diesen ersten Schritt gemacht hat. Das passt zu Mark Zuckerbergs Ansichten: Privatsphäre ist überholt.

Macht Facebook hier also nur den ersten Schritt in eine Zukunft, die wir uns nur vage vorstellen können? Wird es bald völlig normal sein, jeden Menschen auf der Straße mit dem Smartphone in wenigen Sekunden per Namen ansprechen zu können und ihm sein Lieblingseis zu überreichen? Ist das nicht super cool? Oder doch beängstigend? Sollten wir uns darüber aufregen oder müssen wir es einfach hinnehmen, weil es bald völlig normal ist? Hätte das die Stasi nicht auch können? Aber die haben kein Eis verschenkt…

Ich frage mich was man von all dem halten sollen. Zunächst einmal gehe ich davon aus, dass zwar viele Facebook-Nutzer (sofern sie denn merken was passiert) die Funktion nicht deaktivieren. Denn das ist kompliziert. Wahrscheinlich nicht ohne Grund. Denn je mehr Daten Facebook mit einem Benutzer verknüpfen kann, desto mehr Wert hat dieser Nutzer für Facebook. In diesen Wert fließen noch viele andere Faktoren mit ein (unter anderem wie oft man sich einloggt, wie viel man postet, …). Und so steigt der Wert für Facebook weiter und weiter. Werbekunden stürzen sich auf Facebook. Nirgendwo kann man Werbung personalisierter absetzen.

Aber zurück zum Thema: Was könnte man wohl mit einer Datenbank machen, die etwa 100 Milliarden Bilder enthält, auf denen 600 Millionen Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit eindeutig identifizierbar sind? Was kann man damit vielleicht in zehn Jahren machen, denn dann werden diese Informationen immer noch da sein? So mancher Kriminalbeamter oder Geheimdienstmitarbeiter hebt da sicher interessiert die Augenbraue. Solche eine gigantische Menge an Nutzerdaten hat wohl nicht einmal das FBI in seiner Verbrecherdatenbank.

Nun sind ja nicht alle Menschen Verbrecher. Aber die Wahrscheinlichkeit einer Fehlinterpretation von Personenmustern vergrößert sich mit so einer großen Datensammlung. Nicht immer sind die Daten eindeutig und bei vielen vorhandenen Daten gibt es dann auch mehr Treffer - einfach weil es Menschen gibt, die sich ähnlich sind. Was also, wenn der Algorithmus falsch liegt? Was wenn aus diesem Grund gerade ich als jemand identifiziert werde, der zur falschen Zeit nur am falschen Ort war? Zählt dann mein Wort oder die Zahlen des Algorithmus?

Was ist mit Bildern auf denen ich heute zu sehen bin - Bilder die völlig in Ordnung sind und die mich mit Menschen zeigen, zu denen ich eine gute Beziehung habe. Was passiert damit in zehn Jahren, wenn sich die gesellschaftlichen Ansichten ändern und ich auf diesen Bildern nun mit Menschen zu sehen bin, mit denen man nicht in Verbindung gebracht werden will? Werde ich dann die Möglichkeit haben, das als Fehler einzugestehen? Wer wird mir das glauben? War es überhaupt ein Fehler? Eines ist jedoch sicher: Alle werden es wissen!

Nun ich will nicht übertreiben. Vieles kommt nicht so schlimm wie es kommen könnte (manchmal aber auch schlimmer - siehe Fukishima). Es fällt mir allerdings nicht leicht, mit anzusehen, wie viele Facebook Nutzer mit einer geradezu schreienden Naivität alles über sich selbst dieser gigantischen Firma anvertrauen, ohne sich wirklich bewusst zu sein, was sie da tun. Es geht mir um das Bewusstsein. Immer daran denken. Hinterfragen. Kritisch beurteilen. Das ist auch der Grund warum dieser Text aus so vielen Fragen besteht. Am Ende muss sich jeder für sich selbst Gedanken machen, was er tut und warum er das tut. Aber bitte keine Argumente wie: “Ich mag Facebook, ich steh auf die blaue Farbe.”

Eine Sache muss ich noch loswerden: Ich halte soziale Netzwerke für eine super tolle Sache. Nie zuvor waren die Menschen so direkt und so einfach miteinander verbunden. Das ist gut für die Gesellschaft. Dennoch träume ich von einem sozialen Netzwerk, bei dem nicht ein großes Unternehmen die Daten aller Menschen verwaltet und die Kontrolle über das ganze Netzwerk hat.

Kontrolle ist Macht. Eine ziemlich große Macht. Man denke an die Revolutionen in Ägypten, Lybien, … dort haben Staaten angefangen das Internet abzuschalten. Weil viel Kommunikation darüber ablaufen konnte. Stellt euch vor Facebook wird morgen abgeschaltet. Könnt ihr eure Kontakte noch auf anderen Wegen erreichen? Die meisten wohl schon aber sicherlich nicht alle. Das ist die Abhängigkeit die sich gleichzeitig als Macht von Facebook ausdrückt.

Wie wäre es also, wenn es einen Dienst gebe, der wie E-Mail von jedem selbst betrieben werden kann (sofern man möchte). Ansonsten sucht man sich einen Anbieter des eigenen Vertrauens. Vertrauen ist das Stichwort. Kein Zwang einem einzigen mächtigen Anbieter alles zu geben, nur damit man dabei sein kann. Dieses Prinzip schafft Wettbewerb. Ein Wettbewerb der zu mehr Datenschutz führt. Die Idee hatten auch schon viele andere und es gibt sogar schon etwas das funktioniert. Mal sehen wie sich das entwickelt. Ich bin jedenfalls gespannt - und glücklich, dass Diaspora bis jetzt nicht ganz so voller blauer Farbe ist wie Facebook ;)

Update: Ich habe gerade noch ein tolles Video zu Diaspora entdeckt, auf dem sich die Entwickler vorstellen.